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Sonntag, 3. Dezember 2017, 18:03

Ein deutscher Flugzeugkonstrukteur...

Moin Freunde,

im Jahr 1996 schrieb ich für eine innerbetriebliche Lufthansa Mitarbeiterzeitschrift nach längerer Recherche in Literatur und im Lufthansa Archiv einen Artikel zum früheren technischen Direktor Dr. Erich Schatzki, von dessen Tätigkeit es in Deutschland damals kaum noch Spuren gab. Bereits nach meinen ersten Recherchen entschloss sich die Lufthansa Technik AG, in Hamburg eine innerbetriebliche Straße in "Erich-Schatzki-Weg" zu benennen. Leider war Dr. Schatzki wenige Jahre vor meinen Recherchen verstorben, siehe dieser Nachruf aus der The New York Times. Seine Witwe teilte mit, daß er sich bis zu seinem Lebensende über eine Kontaktaufnahme seitens der Lufthansa gefreut hätte, aber nicht den ersten Schritt machen wollte...

Nachdem ich den oben erwähnten Artikel auch auf meiner Homepage veröffentlichte und dieser, wörtlich übersetzt, auch als niederländischer Wikipedia-Artikel erschien, erhielt ich etliche Rückmeldungen und neue Hinweise.

Worum geht es?:

Nach 1933 fanden sich in den Niederlanden eine Reihe von deutschen Flugzeugtechnikern, -ingenieuren sowie Werkpiloten und Einflieger ein, welche aus ihrer Heimat aus politischen Gründen oder weil sie jüdischen Glaubens waren, emigrieren mußten. Aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihres aus der deutschen Luftfahrtindustrie mitgebrachten know-how fanden sie in der niederländischen Luftfahrtindustrie schnell wieder berufliche Betätigungsfelder.

Der, jedenfalls im Ausland, bekannteste dieser deutschen Emigranten aus der Fliegerei ist zweifellos Dr. Erich Schatzki, ich erwähnte ihn bereits in meinem Beitrag zur Junkers Ju 52 .- Nach einem Zwischenspiel bei der Swissair konstruierte Dr. Erich Schatzki in den Niederlanden u.a. die Fokker G.1, die Fokker D.XXI und die Koolhoven Fk.58.*

Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande ist Carl August Freiherr von Gablenz, Lufthansa Flugpionier und ranghöchster Reservist der Deutschen Wehrmacht, die Aufgabe zugefallen, im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums seinen früheren Lufthansa Kollegen, Dr. Erich Schatzki für eine Sonderaufgabe zu gewinnen, nämlich der Neuorganisation der Luftfahrtindustrie im deutsch besetzten Frankreich**. Dazu war hatte er die Vollmacht, Papiere auszustellen, welche die Einreise nach Frankreich ermöglichten. Bis zum Besuch des Freiherrn von Gablenz bei Dr. Schatzki in Amsterdam lebte dieser dort völlig arglos*** und konstruierte für eine Maschinenfabrik, das Flugzeugwerk Koolhoven war nach Luftangriffen völlig zerstört, Zigarrenwickelmaschinen.

Freiherr von Gablenz allerdings waren die Gefahren bekannt, welche Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft drohten. Er organisierte im geheimen neben den Einreisepapieren ins besetzte Frankreich auch Dokumente, welche Dr. Schatzki den Transit durchs unbesetzte Vichy-Frankreich und die Einreise nach Spanien ermöglichte, sowie Dampfertickets in die USA. Für letztere war sicherlich das internationale Netzwerk der Deutschen Lufthansa hilfreich. In den USA war Dr. Schatzki auf vielen Gebieten der Luftfahrt tätig. Laut dem obigen Nachruf in The New York Times war er auch an der Vervollkommnung der Republic P47 Thunderbolt beteiligt, Zitat "....he was engaged in the development of the P-47
Thunderbolt fighter...." und hatte auf diese Weise zur Befreiung seiner deutschen Heimat beigetragen.

Kurz nach dem Krieg besuchte Erich Schatzki noch einmal die Stadt Siegen, in der er geboren und aufgewachsen war. Sein Antrag auf Wiedergutmachung Anfang der 1950er Jahre wurde übrigens abgelehnt weil, Zitat.... "Herr Dr. Schatzki freiwillig bei der Deutschen Lufthansa gekündigt und das Deutsche Reich verlassen hat..."


Der Anlass dieses Beitrages: Kürzlich fand ich eine englischsprachige Seite zum Thema, welche mich sehr begeisterte. Ein gewisser Rit Staalman**** hat akribisch weitergeforscht und seine Ergebnisse auf der reich bebilderten Seite A LIFE OF FLIGHT - European Pioneers of Early Aviation und 1934: Schatzki Revisited veröffentlicht. Seine Motivation zu dieser Recherche beschreibt er in Erich Schatzki and Peers, hier die googledeutsche Version.

Ich hoffe, dieser Ausflug in ein wenig bekanntes Kapitel der Luftfahrtgeschichte findet Euer Interesse und möchte abschließend noch erwähnen, daß besonders die Fokker D.XXI in den Niederlanden gern als RC-Modell gebaut und geflogen wird...

Nachtrag:
Ich wirkte beratend und (etwa ab Minute 36) in Person an der WDR/ARTE Dokumentation "Fliegen heißt siegen - die verdrängte Geschichte der Deutschen Lufthansa" mit. Diese Doku wird gelegentlich in den dritten Fernsehprogrammen wiederholt und scheint noch heute Emotionen auszulösen. Jedenfalls bekomme ich nach entsprechenden Sendeterminen gelegentlich "nette" Briefe. Hatte Bert Brecht recht?
Gruß aus Münster,
HeinzH.

*Die englischsprachigen Seiten sind inhaltlich etwas ergiebiger als die entsprechenden deutschsprachigen Wikipedia-Seiten:
Fokker G.1
Fokker D.XXI
Koolhoven Fk.58
**Mit Sicherheit ist davon auszugehen, daß die Intention dazu von Erhard Milch kam, der ihn von der Lufthansa her gut kannte und als, Zitat... "...technisches Genie" ...schätzte.
***Die übrige Familie Schatzki war bereits in die USA emigriert.
****Leider habe ich im www. nichts weiteres zum "Macher" dieser Seite gefunden.

Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von »HeinzH.« (4. Dezember 2017, 10:46)


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