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Donnerstag, 10. September 2020, 00:45

Der letzte Bauabschnitt war, nun ja … wechselvoll. Das Meiste passte bei der Endmontage gut zusammen, lediglich die Windschutzscheibe war etwas tricky. Ankleben? Hätte bei dem Biegegrad wohl kaum den Erstflug überstanden, also schrauben oder besser noch, nieten … aber wie? Nieten in Minigröße gibt’s zwar zu kaufen, aber die sind absurd teuer, insbesondere wenn man nur 8-9 Stück braucht. Alternativ habe ich eine Methode entwickelt, auf die ich ein kleines bisschen stolz bin: Man nehme dünnes Lötzinn, schneide es in der benötigten Länge ab, klemme es in einen Schraubstock mit 1-2 mm Überstand - und den erhitzt man dann kurz mit einem Brenner. Automatisch bildet sich ein Kopf, und fertig ist der Niet. Die Dingelchen klebt man in vorgebohrte Löcher in Scheibe und Rumpf. Hält bombenfest mit Sekundenkleber und die Nietköpfe lassen sich –Lötzinn eben- auch super einfach auf die gewünschte Größe runterschleifen. ==[]

Die Montage, des Motors, eigentlich eine Routine-Aktion, verlief weitaus weniger fluffig. Ich will euch nicht mit Details anöden, belassen wir es dabei, dass ich meinen nagelneuen Turnigy-Motor zerstörte. Wie das geht? Man mische eine große Portion Dämlichkeit mit einem verklemmten Propellermitnehmer, einem Trennschleifer sowie einem Stahldraht und fertig ist die Katastrophe. :dumm: Ersatz war nicht zu beschaffen, da der Motor offenbar nicht mehr hergestellt wird, also stieg ich auf einen D-Power 3542-5 um, also den gleichen Antrieb, der schon in meiner Cirrus Moth zuverlässig vor sich hinwerkelt. Eigentlich wollte ich beim Avian etwas mehr Dampf im Kessel haben, aber sei’s drum, die größere 11x5 Luftschraube wird’s schon richten, auch wenn sich die Flugzeit dadurch messtechnisch auf fünf, respektive drei Minuten (bei ständigem Vollgas) reduziert. Vielleicht brauche ich Akkus mit mehr Kapazität oder schraube doch die 10x5 drauf, aber das entscheide ich nach den ersten Flügen.

Womit wir bei der Schwerpunktfrage wären. Wie zuvor beschrieben, hatte ich einen anderen „konservativeren“ Balancepunkt errechnet, als im Plan vorgesehen. Weiterhin war ich davon ausgegangen, dass der Flieger hecklastig werden würde und hatte deshalb ein Ballastfach im Heck angebracht. Der Witz ist nun: Mein selbst errechneter Balancepunkt passte auf Anhieb! War die Ballastfach-Aktion also für die Tonne? Nö, denn schließlich sorgt allein dessen Eigengewicht dafür, dass die Gewichtsverteilung nun stimmt. Und falls ich später Akkus mit mehr Wumms/Gewicht einsetze, werde ich das Fach auch befüllen müssen. 8)

Last but not least habe ich noch ein paar letzte Modifikationen und Anbauten durchgeführt, darunter die simulierten Spanndrähte mit Gummibändern, sowie ein „Fliegengitter“ vorne am voluminösen Lufteinlass. Aus Erfahrung mit unserem Flugfeld rechne ich mit geschredderten Insekten, bzw. Vegetation, und das Zeugs kratze ich lieber von einem Gitter (das Material lieferte ein Küchensieb aus dem 1-Euro-Shop) am Bug, als aus dem Rumpfinneren.

Wie auch immer, der Bau ist abgeschlossen und das Modell bereit für den Erstflug. Jetzt muss ich nur noch das passende Wetter abwarten. :ok:
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Donnerstag, 24. September 2020, 00:34

Heute war „Erstflug-Tag“, nachdem entweder Wetter oder Job mir mehrfach dazwischengefunkt hatten. Pünktlich zu Beginn der windarmen Magic Hour schob ich auf unserem Vereinsplatz das Gas rein und ließ meine Avro erstmals abheben. Und danach noch zweimal. Starts und Landungen gelangen problemlos, diesbezüglich ist die Avro sehr viel zahmer als meine Cirrus Moth.

Danach wurde es allerdings haarig. Schon bei Halbgas zeigte das Modell eine ausgeprägte Tendenz zum Wegsteigen und zog zudem stark nach links. Kontrollierbar war es nur in einem schmalen Geschwindigkeitsbereich zwischen Halbgas und Strömungsabriss. :hä: Im Grunde verhielt es sich ähnlich wie ein hecklastiges Modell, was aber nicht sein kann, da ich den Schwerpunkt ja verglichen mit dem Bauplan schon einige Millimeter nach vorne verlegt hatte.

Bueno, also ist wohl die EWD der Überltäter! Wie sich manche von euch vielleicht erinnern, hatte ich ja schon vorher Bedenken wegen der extremen EWD (rund 5 Grad) im Plan und deshalb das Leitwerk abnehmbar gestaltet. Rückblickend eine weise Entscheidung, denn das Unterlegen von Sperrholzscheiben zeigte Wirkung, wenn auch keine ausreichende. 1,6 Grad Reduktion durch die vorgefertigten Unterlagen -siehe Fotos Nr.3 und 4- machten den Vogel gerade mal so halbwegs beherrschbar, und hätte ich nicht vorher am Sim das Fliegen von Modellen mit „extrem falscher EWD“ geübt, wäre ich wohl mit Kleinholz nach Hause gefahren. Noch mehr "Holz" unter das HLW zu schrauben verbietet sich jedoch, das würde einfach nur hässlich aussehen.

Folglich muss der Avian für einen größeren chirurgischen Eingriff nochmal unters Messer. Irgendwie muss ich die vorderen Rohre für die Tragflächen wieder herausbekommen, danach tiefer legen, dito Kabelführungen und Magnetbefestigungen verschieben. ==[] Die EWD werde ich dabei auf 2,5 Grad (oder weniger; da muss ich noch ein bisschen herumrechnen) reduzieren und den Seitenzug des Motors erhöhen. Welchen Einfluss das auf die Lage des Balancepunktes hat, muss mich mir noch überlegen. Über Tipps/Meinungen dazu würde ich mich freuen.
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Samstag, 26. September 2020, 11:15

Glückwunsch zum Erstflug!
Das mit der EWD bzw. Schwerpunkt wirst Du schon hinbekommen.

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Donnerstag, 1. Oktober 2020, 23:27

Moin eBeaver,

danke für die moralische Unterstützung, es hat geholfen. :ok: Aber der Reihe nach:

Nach dem ersten Erstflug (kann es überhaupt einen zweiten geben?) habe ich nochmal fleißig den Hammer geschwungen. Zunächst mal galt es, das mit Epoxid bombenfest eingeharzte, vordere Rohr für die Steckbefestigung der Tragflächen aus dem Rumpf herauskriegen und rund 5mm tiefer zu legen. Wie das minimalinvasiv hinbekommen? Wieder einmal waren die Ratschläge meiner Vereinskameraden Gold wert: Erst die Klebestellen mit Aceton einweichen, dann das Rohr mit Dremel/Trennscheibe in der Mitte spalten und schließlich die Reste mit Hilfe einer Spitzzange behutsam entfernen. Hat super funktioniert, ein neues Rohr war schnell angefertigt und der Rest war Routine. Als segensreich erwies sich dabei erneut (und nicht zum letzten Mal) mein demontierbares Leitwerk. Bei nachträglichen Arbeiten hilft es enorm, wenn dieses doch recht fragile Bauteil aus dem Weg ist. ==[]

Bei der Gelegenheit habe ich auch die Magnetbefestigung der Tragflächen verbessert. Rumpfseitig hatte ich Unterlegscheiben verklebt, Magnete nur in den Flächenhälften, um ein bisschen Gewicht zu sparen. Bei perfekter baulicher Ausführung (= Spaltmaße nach Null) soll das von der Haltekraft her fast keinen Unterschied machen, behauptet jedenfalls die Physik. In der unperfekten Praxis hilft es allerdings sehr, wenn man beidseitig Magnete verklebt. Die zuvor eher lasche Verbindung hält jetzt bombig. Last but not least habe ich die 11 x 5 Latte wieder entfernt und durch die ursprünglich montierte 10 x 5 ersetzt, um den Linksdrall auszuschalten.

So gerüstet trat ich dann gestern zu weiteren Testflügen an. Schnell stellte sich heraus, dass die Reduktion der EWD auf rund 2 Grad nicht nur sinnvoll war, sondern dass ich noch radikaler hätte vorgehen können. Letztlich musste ich noch 1mm-Schablonen unter das HLW schrauben, den Motorsturz um ein Grad erhöhen und 20 Gramm Ballast im Bug versenken, bis der Vogel gut flog, im Sinne von: So gut, wie er konstruktionsbedingt eben fliegen kann. Ich werde auch noch einen leichten Gas-Höhenruder-Mix am Sender einstellen, denn bei Vollgas zieht das Modell immer noch etwas zu stark nach oben. Die Tendenz des Modells, stark nach Links zu drehen, war durch den kleineren Propeller weitgehend verschwunden.

Das Avro Avian Monoplane in meiner Bauausführung fliegt sich so ähnlich wie ein Shockflyer. Der Wendekreis ist klein, Lande- und Startverhalten sind so unkritisch, dass auch ein Anfänger damit klarkommen dürfte. Die Maximalgeschwindigkeit ist eher bescheiden. Etwas fies ist das Abrissverhalten. Wenn man das Modell überzieht, wirft es abrupt die Nase nach unten, erholt sich aber recht schnell. Bei der Landung sollte man solche Spielchen natürlich nicht treiben, da ist ein Crash programmiert. Alles in allem, ein entspannter, eleganter Feierabendflieger mit Exotenbonus und durchaus als Tiefdecker-Trainer geeignet. Mir persönlich ist er fast zu gemütlich. Würde ich das Modell ein zweites Mal bauen, dann wohl mit einer EWD um 1,5 Grad herum und bewusst etwas schwerer, also mit mehr Tragflächenbelastung. Und vielleicht auch ein anderes, etwas symmetrischeres Profil verbauen.
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Donnerstag, 1. Oktober 2020, 23:32

Kommen wir zum Fazit:

Es steht mir nicht zu, den Plan von Tom Decker umfassend zu bewerten, weil ich ihn in vielerlei Hinsicht abgeändert habe, angefangen mit der Verkleinerung des Maßstabs. Sagen wir mal so: Es spricht für die grundsätzliche Qualität des Plans, dass trotz all meiner Änderungen ein gut fliegendes Modell entstanden ist. Ein paar Punkte kann man aber schon kritisieren:

- Unregelmäßige Rippenabstände in den Tragflächen. Das ist mehr als nur ein Schönheitsfehler, erschwert es doch den symmetrischen Aufbau beider Flächenhälften.
- Der Rumpf ist in der Seitenansicht länger als in der Draufsicht des Plans.
- Der Hauptholm der Tragfläche bildet konstruktionsbedingt einen Absatz auf der Oberseite der Tragfläche.
- Angaben zu Motorsturz, bzw. Zug, EWD, Ruderausschlägen und anzupeilendem Abfluggewicht fehlen, bzw. sind diskutabel. Die im Plan vorgesehene EWD ist meiner Meinung nach viel zu groß.

Wenn man diese Probleme erkannt, hat lassen sie sich jedoch lösen. Thomas Decker steht wie gesagt per Mail gerne mit Rat und Auskünften zur Seite. Zu meinen Erfahrungen mit dem ersten Bauplanmodell seit Jahrzehnten:

- Man ist gut beraten, vor Baubeginn alle wesentlichen Parameter zu überprüfen und falls nötig zu ändern.

- Baumaterial: Da habe ich einige Fehlentscheidungen getroffen, das gekaufte Balsaholz war teils zu weich, teils zu schwer oder zu hart für den jeweiligen Zweck. Zwar hatte ich mich ein bisschen mit Materialkunde beschäftigt, aber wenn der Laden vor Ort nur eine Sorte vorrätig hat, nützt das wenig. Beim nächsten Mal werde ich daher bei einem Händler bestellen, der eine Vorauswahl anbietet.

- Werkzeug: Ich hatte mir vor Baubeginn Bohrständer, Balsaschneider und Dekupiersäge besorgt und das war rückblickend gerade mal ausreichend. Vor dem nächsten Projekt kommt auf jeden Fall noch ein kleiner Bandschleifer dazu, denn die Bearbeitung dickerer Sperrholzteile von Hand ist ein echter Zeitfresser.

- Vorgehensweise: Gut bewährt hat sich, erst alle Teile anzufertigen und erst mit dem Bau zu beginnen, denn wenn man diese eher dröge Arbeit hinter sich hat, halten sich spätere „Motivationslöcher“ in Grenzen.

- Kosten und Aufwand: Der Mehraufwand durch die Anfertigung der Einzelteile ist überschaubar, aber Geld spart man verglichen mit einem Bausatz nicht, eher im Gegenteil. Klar, man bekommt ein Unikat, aber seien wir mal ehrlich: Unsere Szene ist so klein, dass man selbst von Hobbykönig-Massenmodellen pro Flugfeld selten mehr als ein Exemplar antrifft. Insofern ist Bauen nach Plan wirklich Hobby im besten Sinne - nämlich pure Liebhaberei.

- Vorbildähnlichkeit: Im allerersten Beitrag dieses Bauberichts hatte ich geschrieben, dass es mir sinnvoller erschien, ein modernes, dafür nicht so vorbildgetreues Design „scalig“ aufzuhübschen, als einen vorbildgetreuen, aber veralteten Entwurf abzuspecken. Rückblickend bin ich mir da nicht mehr so sicher. Die Wünsche des Designers sind doch tief in den Plan eingeschrieben und wenn es seine Absicht war, nur einen vage vorbildähnlichen Parkflyer zu konstruieren, ist es schwierig, daraus ein Semiscale-Modell zu zaubern. In der Folge musste ich das tun, was ich eigentlich hatte vermeiden wollen: Gegen „das Design kämpfen“. Dabei habe ich gelernt, dass Designer gute Gründe haben können, bestimmte Details der Originals wegzulassen oder zu vereinfachen, steht doch der optische Gewinn oft in keinem Verhältnis zum Mehraufwand - und zur Alltagstauglichkeit.

So ist meine Version des Avian Monoplanes zwar ganz nett anzusehen, letztlich aber nicht Fisch, nicht Fleisch, vielmehr irgendwo zwischen Fun- und Semiscale einzusortieren, einerseits detailverliebt, andererseits inkonsequent gestaltet, z.B. bei Farbauswahl und Decals. Wo findet man da für sich die „goldene Mitte“? Letztlich ist das reine Geschmackssache. Entweder entdeckt man Pläne oder Bausätze, die dem eigenen Anspruch an Vorbildähnlichkeit gerecht werden oder man muss eben selbst konstruieren. Das gilt ebenso für die angestrebten Flugeigenschaften. Der Bau des Avian Monoplanes war dafür auf jeden Fall eine gute Übung - allein dadurch, dass er mich dazu bewegt hat, über solche Fragen intensiver nachzudenken. :ok:

Damit endet dieser Baubericht.
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  • Dawn Patrol.jpg

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